Menschenrechte und psychische Gesundheit in Osteuropa und Eurasien

Niemand würde heutzutage noch bestreiten, dass die psychische Gesundheit ebenso wichtig ist wie die körperliche Gesundheit, und dass zum Wohle des Einzelnen und der Gesellschaft als Ganzes in die psychische Gesundheit investiert werden muss.

Es gibt immer mehr Hinweise darauf, dass Ungleichheiten, Ausgrenzung, Diskriminierung und Gewalt Determinanten sind, die der gesellschaftlichen und individuellen psychischen Gesundheit schaden. Vor diesem Hintergrund ist die Frage, wie man am besten in die psychische Gesundheit investiert, weltweit ein wichtiges Thema. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als die UNO die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte verabschiedete und viele Länder die UN-Menschenrechtskonventionen ratifizierten, wurde deutlich, dass der Schutz der wirtschaftlichen, sozialen, bürgerlichen, politischen und kulturellen Rechte sehr wichtig ist, damit Menschen ihr Recht auf eine gute psychische Gesundheit wahrnehmen können. Außerdem wurde die Bekämpfung sozialer Ungleichheit, sozialer Ungerechtigkeit, aller Formen von Diskriminierung und von Gewalt als entscheidend anerkannt.

Einige Systeme der psychiatrischen Versorgung verstärken noch immer Diskriminierung, Ausgrenzung und Gewalt.

Eine wichtige Frage ist, ob die Systeme zum Schutz der psychischen Gesundheit der Menschen wirksam sind oder ob sie tatsächlich Diskriminierung, Ausgrenzung und Gewalt verstärken. Immer mehr Experten und Organisationen fordern Veränderungen in der psychiatrischen Versorgung und in der Psychiatrie. So hat der UN-Menschenrechtsrat beispielsweise zwei Resolutionen (2016 und 2017) über psychische Gesundheit und Menschenrechte verabschiedet. In diesen Resolutionen werden die UN-Mitgliedstaaten aufgefordert, die Politik der psychischen Gesundheit zu ändern und inakzeptablen Menschenrechtsverletzungen in den Systemen der psychischen Gesundheitsversorgung Einhalt zu gebieten.

Betrachten wir einige Erfolge und Misserfolge bei Investitionen in die psychische Gesundheit in der Region Osteuropa und Eurasien (EEE). Aus der politischen Geschichte der Region ergeben sich einzigartige Möglichkeiten und Hindernisse für die Einführung der besten Praktiken der psychiatrischen Versorgung. Es ist wichtig, die Region im Kontext zu sehen, und das ist eines der Ziele des neuen, vom Human Rights Monitoring Institute initiierten Projekts.

Eine verpasste Gelegenheit

Wie die meisten Länder der Region erlebte Litauen vor 30 Jahren enorme politische und gesellschaftliche Veränderungen. Diese Veränderungen boten die perfekte Gelegenheit, die Dienste der psychiatrischen Versorgung zu modernisieren, aber leider scheinen 30 Jahre nicht genug für eine echte Veränderung gewesen zu sein. Litauen muss das Erbe der totalitären und reduktionistischen Psychiatrie im sowjetischen Stil aufgeben, an das es sich in vielen Fällen noch immer klammert. Eine Reihe von Faktoren haben zu einem heftigen Widerstand gegen Veränderungen in der psychiatrischen Versorgung geführt. Und das Gesundheitssystem als Ganzes ist immer noch fest im Griff von Korruption und einem reduktionistischen biomedizinischen Modell zur Reparatur von Körperteilen. Wenn medizinische Fakultäten der Universitäten Medizinstudenten lehren, dass das Hauptziel der Gesundheitsversorgung darin besteht, die Krankheit zu diagnostizieren und dann die Krankheit, um jeden Preis, durch einen Sieg gegen die Pathologie zu beheben, sollten wir uns nicht wundern, dass die Psychiatrie den gleichen Weg gegangen ist. Auch sie zielt darauf ab, Krankheiten zu beheben, in diesem Fall psychische Störungen, ob der Patient es will oder nicht. Das Prinzip "In erster Linie keinen Schaden anrichten" (first do no harm) wurde soweit untergraben, dass sich im Namen der Psychiatrie eine Epidemie von Menschenrechtsverletzungen ausbreiten konnte.

Aber wir können das alles nicht allein auf das Erbe des kommunistischen Denkens zurückführen. Paradoxerweise haben Berater aus westlichen Ländern seit den 90er Jahren diese veralteten Ansichten verstärkt. Ihre Forderung nach wirksamen neuen Medikamenten zur Behandlung von Depressionen und Schizophrenie traf auf ein Vakuum, in dem die populäre psychodynamische Theorie und Praxis und anderer moderner Ansichten noch unbekannt waren.

Pharmaunternehmen beeinflussten die Ansichten der Ärzte

Eine neue Generation litauischer Psychiater, einschließlich derjenigen, die in der akademischen Psychiatrie arbeiten, wurde jedoch von Pharmaunternehmen und Beratern verdorben. Diese Berater importierten die Ansicht, dass Depressionen und andere psychische Erkrankungen überwiegend durch chemische Ungleichgewichte im Gehirn verursacht werden und dass diese Ungleichgewichte am besten mit psychotropen Medikamenten und elektroimpulsiver Therapie behoben werden können. Die westliche Psychiatrie hat in den letzten 10 Jahren bis zu einem gewissen Grad akzeptiert, dass sie mit dem biomedizinischen Modell zu weit gegangen ist und, dass die biologische Psychiatrie in eine Krise geraten ist. Eine solche Neubewertung ist in der EEE-Region nicht erfolgt. In Litauen haben die Gesundheitsbehörden und führende Akteure der Psychiatrie im Jahr 2019 immer noch nicht akzeptiert, dass die übermäßige Nutzung biomedizinischer Interventionen sowohl den Patienten als auch dem Image der Psychiatrie als Bereich der Medizin schadet.

Diese Art der kontextuellen Analyse ist sehr wichtig. Sie hilft uns zu überwachen, ob das nationale System der psychischen Gesundheit modernen Prinzipien folgt und ob Investitionen effektiv sind. Es hilft auch, die Gegenwart zu verstehen und Herausforderungen vorherzusagen.

Entwicklungen in der psychiatrischen Versorgung werden zurückgehalten

Es gibt eine Reihe von Faktoren, die die Entwicklung der psychischen Gesundheit in Litauen bremsen, und zwei davon sind besonders erwähnenswert. Erstens, die unsensible Einstellung der Öffentlichkeit, einschließlich der Elite, gegenüber Menschen, die zu den schwächeren Gruppen gehören. Im Jahr 2019 sind noch 6.000 Menschen mit Behinderungen in ausgrenzenden Wohneinrichtungen eingesperrt, aber leider sehen die meisten Menschen darin kein ernsthaftes Problem. Diese Leute haben keine Verbrechen begangen. Sie wurden ihrer Freiheit beraubt, weil sie an psychischen Erkrankungen oder Lernbehinderungen leiden. Politiker scheinen sich nicht zu kümmern, ebenso wenig wie die kulturellen oder wissenschaftlichen Eliten.

Zweitens, weil die EEE-Region nur langsam etablierte Theorien akzeptiert oder neue Praktiken aus der westlichen Psychiatrie des 20. Jahrhunderts übernommen hat, ist die Idee der "Therapie" immer noch etwas fremd und manchmal sogar ein unbekanntes Konzept, zumindest wenn es darum geht, dass dies genauso vom Staat bezahlt werden sollte, wie es für Medikamente normal ist. Politiker in der Region denken oft auch, dass nur Ärzte für innere körperliche Gesundheitskrankheiten eine Therapie vermitteln können, auch wenn sie nicht dafür ausgebildet sind. Gleichzeitig dürfen Psychologen, Sozialarbeiter und Krankenschwestern in der Regel kein Gesprächs- oder irgendeine andere Form der Therapie durchführen, weil sie keine Ärzte sind.

Es mangelt an Verständnis dafür, dass es bei der Unterstützung der psychischen Gesundheit in hohem Maße darum geht, soziale Beziehungen ins Visier zu nehmen, und nicht nur das Gehirn der Menschen.

Die Ziele des neuen Projekts

Das neue Projekt des Human Rights Monitoring Institute wird einige dieser Fragen behandeln: Welche Paradigmenwechsel in der Geschichte der globalen psychischen Gesundheit haben sich in Litauen und der gesamten EEE-Region vollzogen und welche von ihnen warten noch darauf, dass ihre Zeit endlich kommt? Welche Elemente des bestehenden litauischen Systems der psychiatrischen Versorgung könnten in anderen Ländern genutzt werden? Welche guten Praktiken aus anderen Ländern könnten in Litauen umgesetzt werden? Welche Maßnahmen werden in Litauen ergriffen, um ein gesundes Gleichgewicht zwischen Investitionen in die Erstattung psychotroper Medikamente und psychosozialen Interventionen zu erreichen? Gibt es eine unabhängige Überwachung der Menschenrechte in den Systemen der psychiatrischen Versorgung? Wie wird die Anwendung unkonventioneller Maßnahmen in psychiatrischen Diensten überwacht und welche Maßnahmen werden ergriffen, um den Zwang in den Systemen der psychischen Gesundheitsversorgung in Litauen und der EEE-Region zu verringern oder zu beseitigen?

Das Projekt "Psychische Gesundheit und Menschenrechte: Unterstützung des Paradigmenwechsels in Litauen und der erweiterten Region Osteuropa und Eurasien" wird durch einen Zuschuss der Stiftung Open Society Institute in Zusammenarbeit mit dem Public Health Program der Open Society Foundations unterstützt.