Demokratie & Gerechtigkeit

Was ist Homophobie? Warum gibt es Homophobie?

Homophobie und homophobe Gesetze schränken die Rechte und Freiheiten von Millionen Menschen in Europa und der Welt ein. Doch was sind die Ursachen von Homophobie und wie sehr sind LGBTI-Menschen in der EU betroffen?

von Franziska Otto

Was bedeutet “Homophobie” und was ist damit gemeint?

Der Begriff “Homophobie” setzt sich aus den griechischen Wortbausteinen “homos”, also “gleich”, und “phobos”, also “Angst”, zusammen. Er bezeichnet negative Einstellungen, Vorurteile und Ablehnung gegenüber homosexuellen Menschen.

Erstmals wurde der Begriff in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren vom amerikanischen Psychologen George Weinberg verwendet. In seinem für damalige Verhältnisse bahnbrechenden Buch “Society and the Healthy Homosexual” erklärte Weinberg erstmals seine Definition von Homophobie als eine Störung im Gehirn, der der Homophobe ausgeliefert wäre. Auf Grund dieser Definition als Angststörung wird das Wort “Homophobie” daher auch von Teilen der LGBTI-Gemeinschaft kritisiert (LGBTI ist die englische Abkürzung für “lesbian, gay, bi-, trans-, und intersexuell” und wird auch im deutschen Sprachraum verwendet). Es wäre irreführend, da homophobe Menschen keine Angst vor homosexuellen Menschen haben, sondern Abneigung und Feindseligkeit fühlen.

In der Wissenschaft werden drei unterschiedliche Dimensionen von Homophobie unterschieden. Zum einen die affektive Homophobie, also zum Beispiel, wenn eine Person ein unangenehmes Gefühl verspürt, wenn sie sieht, wie sich zwei gleichgeschlechtliche Personen in der Öffentlichkeit küssen. Zweitens, die kognitive Homophobie, die sich auf die Einstellung bezieht, also wenn etwa gefordert wird, dass homosexuellen Menschen bestimmte Rechte nicht erteilt werden sollen. Zuletzt die verhaltensbezogene Homophobie, die sich durch beleidigende Äußerungen und physische Gewalt äußert.

Für homosexuelle Menschen kann Homophobie zu einer echten Einschränkung ihrer Freiheiten führen und das nicht nur, weil ihnen per Gesetz in manchen Ländern Rechte entzogen werden. Auch in liberalen Staaten kommt es vor, dass sie es vermeiden, ihrem Partner oder der Partnerin in der Öffentlichkeit Zuneigung zu zeigen oder aus Angst vor Gewalt bestimmte Orte vollständig meiden.

Was sind Ursachen von Homophobie?

Für Homophobie, wie für jede Form von Diskriminierung oder Feindseligkeit gegenüber einer Bevölkerungsgruppe, kann es eine Vielzahl von Gründen geben.

Um unsere Welt zu vereinfachen und verständlicher zu machen, neigen wir Menschen dazu, Dinge zu kategorisieren und in Schubladen zu stecken. Das ist häufig ein automatischer Prozess im Gehirn. Eine Gruppe von Menschen kann also in die gleiche Schublade gesteckt werden, der dann bestimmte Eigenschaften zugeschrieben werden. Diese Vorurteile können dann natürlich auch negativ sein. Das kann auch daher kommen, dass Menschen Fremdes und Unbekanntes eher ablehnen. Wenn eine Person in ihrem täglichen Leben also keinen Kontakt zu homosexuellen oder queeren Menschen hat, können so homophobe Vorurteile entstehen. Queer ist ein Sammelbegriff für alle die Menschen, die nicht heterosexuell sind oder sich nicht mit dem Geschlecht identifizieren, das ihnen bei ihrer Geburt zugeschrieben wurde.

Auch das Umfeld und die Erziehung spielen eine wichtige Rolle. Bewegt man sich etwa in einem Umfeld, in dem Wörter wie “schwul” und “Schwuchtel” als Beleidigung genutzt werden, führt das dazu, dass die bezeichnete Gruppe als negativer wahrgenommen wird.

Ein weiterer Grund können Einstellungen zu traditionellen Geschlechterrollen und dazu sein, was ein “richtiger Mann” und eine “richtige Frau” sind. Homosexuelle Beziehungen stellen diese Vorstellungen auf den Kopf, da eine solche Einteilung nicht möglich ist. Homophobe Menschen fühlen sich dadurch mitunter in ihrem Lebensentwurf bedroht.

Schlussendlich kann auch die Religion eine Ursache von homophoben Einstellungen sein. In allen heiligen Schriften von monotheistischen Religionen lassen sich Textstellen finden, die sich als ablehnend gegenüber, vor allem männlicher, Sexualität interpretieren lassen. Natürlich sind dadurch nicht alle religiösen Menschen auch automatisch homophob. Entscheidend ist hier, ob eine Person allgemein zum Fundamentalismus neigt.

Wann ist der Internationale Tag gegen Homophobie?

Der Internationale Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie findet jedes Jahr am 17. Mai statt.

Der 17. Mai ist deshalb von Bedeutung für die LBGTI-Gemeinschaft, da am 17. Mai 1990 Homosexualität aus dem Diagnoseschlüssel ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation gestrichen wurde. Seit diesem Tag gilt Homosexualität offiziell nicht mehr als Krankheit.

Der Tag schafft Aufmerksamkeit für die Probleme, die LGBTI-Personen weltweit betreffen. Noch immer leben über zwei Milliarden Menschen in Staaten, in denen gleichgeschlechtliche Beziehungen eine Straftat sind, in elf Ländern droht sogar die Todesstrafe.

Homophobie in Europa: Wie sieht es in den europäischen Ländern aus?

In den vergangenen Jahren sind innerhalb von Europa wichtige Schritte getan worden, die homosexuellen und queeren Menschen mehr Rechte gegeben haben. In Irland zum Beispiel, einem streng katholischen Land, wurde in 2015 in einem Volksentscheid für die Ehe für alle gestimmt. Trotzdem wurde in manchen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union auch Entscheidungen getroffen, die die Situation für LGBTI-Menschen verschlimmert haben.

So wurde am 15. Juni 2021 vom ungarischen Parlament ein Gesetz verabschiedet, welches Informationen über Homo- und Transsexualität einschränkt. Die Darstellung von gleichgeschlechtlichen Handlungen in der Werbung wurde verboten. Informationen über diese Themen dürfen nicht mehr für Personen unter 18 Jahren zugänglich sein. Dies betrifft auch Kinder- und Aufklärungsbücher. Zusätzlich dürfen solche Bücher nicht mehr im Umkreis von 200 Metern um Schulen oder Kirchen verkauft werden. Begründet wurde diese Entscheidung mit dem vermeintlichen Jugendschutz. Obwohl es in Ungarn große Proteste gegen das Gesetz gab und es auch von der Europäischen Union scharf kritisiert wurde, wurde im Parlament für die Verabschiedung gestimmt.

Litauische Behörden versuchten im September 2021 das Stattfinden der Kaunas Pride Parade mit allen rechtlichen Mitteln zu verhindern. Zwar scheiterten sie letztendlich an den Gerichten, doch war die Parade mit Gegendemonstranten konfrontiert, die zum Teil mit Eiern warfen und Teilnehmende beleidigten. Der litauische Präsident Giatanas Nausėda sprach sich öffentlich gegen die Verwendung von Unterrichtsmaterialien aus, die einen Bezug zu LGBTI-Themen haben.

Im Oktober 2021 lehnte der italienische Senat einen Entwurf für ein Gesetz gegen Homophobie ab. Mit diesem Gesetz wären diskriminierende Handlungen und Aufrufe zur Gewalt gegen Homosexuelle, Lesben, Trans- und Bisexuelle sowie Menschen mit Behinderungen strafbar geworden. Im schlimmsten Fall hätten Freiheitsstrafen gedroht. Vor allem die rechtspopulistischen Parteien Lega und Fratelli d’Italia waren gegen die Initiative. Kritiker des Gesetzes sahen die Meinungsfreiheit gefährdet und waren der Meinung, dass es “Propaganda für Homosexualität” an Schulen ermöglicht hätte. Auch der Vatikan hatte formellen Protest gegen den Entwurf eingelegt.

Doch nicht nur politische Entscheidungen oder Gesetze machen das Leben für homosexuelle Menschen in Europa schwierig. Sie erfahren Homophobie auch im Alltag. In einer 2019 durchgeführten Umfrage zum Thema LGBTI-Gleichberechtigung der Europäische Agentur für Grundrechte gaben mehr als die Hälfte aller Befragten (61 %) in der EU, Nord Mazedonien und Serbien an, dass sie es meistens oder immer vermeiden, die Hand ihres gleichgeschlechtlichen Partners in der Öffentlichkeit zu halten. 40 % gaben an, dass sie aufgrund ihrer sexuellen Orientierung belästigt oder bedrängt wurden.

Homophobie in Deutschland: Wie schlimm ist die Lage?

Der Paragraf 175 des deutschen Strafgesetzbuches verbot sexuelle Handlungen zwischen zwei Männern bis 1994 und machte diese zur Straftat. In 2002 hob der Bundestag alle Urteile, die auf Grund dieses Paragraphen bis 1945 erteilt wurden, auf und rehabilitierte die Opfer. Erst am 22. Juli 2017 wurden auch alle Urteile, die nach dem Ende des Nationalsozialismus ergangen waren, aufgehoben.

In den letzten Jahren wurden in Deutschland dann einige Fortschritte gemacht, wenn es um die Rechte von homosexuellen und queeren Menschen geht. Am 30. Juni 2017 verabschiedete der deutsche Bundestag ein Gesetz, welches das Recht auf die Eheschließung für gleichgeschlechtliche Paare einführte. Seit Ende 2018 haben Personen, die sich weder dem männlichen noch dem weiblichen Geschlecht zugehörig fühlen, die Möglichkeit, die Option “divers” im Personenstandsregister eintragen zu lassen.

Trotzdem sind auch in Deutschland homosexuelle Menschen immer wieder mit Homophobie konfrontiert.

Im Dezember 2021 befasste sich die deutsche Innenministerkonferenz, bei der die 16 Innenminister*innen und Innensenator*innen der Bundesländer zusammen kommen, erstmals mit Hasskriminalität gegen LGBTI-Menschen in Deutschland. 2021 wurden dem Themenfeld “sexuelle Orientierung” 870 Fälle von Hasskriminalität zugeordnet, davon waren 164 Gewaltdelikte. Gleichzeitig ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer noch höher ist. Das liegt zum einen daran, dass Opfer nicht immer zur Polizei gehen (z.B. aus Angst, da sie noch nicht geoutet sind) oder daran, dass Straftaten nicht als Hasskriminalität, sondern als Allgemeinkriminalität in die Statistik aufgenommen werden.

Was kann gegen Homophobie getan werden?

Da die Ursachen von Homophobie sehr unterschiedlich sein können, müssen auch die Lösungen an unterschiedlichen Stellen ansetzen.

Ein Weg, der Homophobie zu entgegnen, sind bessere Bildungsangebote. Häufig stehen Personen dem ablehnend gegenüber, was sie nicht kennen. Hier kann Bildung helfen, Vorurteile abzubauen. Auch niedrigschwellige Kontaktangebote sind hier eine Möglichkeit.

Weiterhin kann es helfen, strenge Geschlechterrollen aufzulösen. Das kann zum Beispiel dadurch gelingen, dass schon im Kindesalter bestimmte Rollenklischees nicht mehr in die Erziehung eingebracht werden, dass Mädchen nicht nur rosa tragen und Jungen auch mit Puppen spielen dürfen. Wenn etwas nicht mehr eindeutig in “männlich” oder “weiblich” unterschieden werden kann, kann sich auch niemand mehr in seiner Männlichkeit bedroht fühlen, weil eine Handlung als besonders “weiblich” angesehen wird. Dadurch besteht auch nicht mehr die Notwendigkeit, die eigene Männlichkeit durch Überkompensation oder das Herabsetzen von anderen, wie eben schwulen Männern etwa, wiederherzustellen.