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Auch noch nach 15 Jahren spaltet Carlo Giulianis Tod Italien

Der schreckliche Tod des jungen Demonstranten gegen den G8 Gipfel im Jahr 2001 schlug eine Wunde, welche die italienische Gesellschaft immer noch spaltet.

von Luana Ruscitti

Piazza Alimonda, Genua, Italien. 20. Juli 2001. Die Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten halten seit mehreren Stunden an. Ein junger Polizist versteckt sich in einem Polizeifahrzeug. Ein junger Demonstrant nimmt einen Feuerlöscher auf. Aus dem Inneren des Fahrzeugs fällt ein Schuss.

Der junge Demonstrant geht blutüberströmt zu Boden. Chaos. Das Polizeiauto fährt los. Überfährt den jungen Demonstranten nicht einmal, sondern zweimal, vernichtend, vor und zurück. Der junge Demonstrant war der 20-jährige Carlo Giuliani. Der Polizist Mario Placanica, Alter 21.

Trauer und Unverständnis

Der genaue Ablauf der Ereignisse bleibt ein Mysterium: Es wurde nie eindeutig geklärt, ob Placanica direkt auf Carlo schoss, oder ob die Kugel abgelenkt wurde. Unabhängig davon wurde der Vorfall als Selbstverteidigung klassifiziert.

The death of Carlo Giuliani. The policeman's firearm is visible in the top right of the left-hand photograph. The shot was fired at Giuliani in the time between these photos. Der Tod von Carlo Guiliano. Die Pistole des Polizisten ist in der oberen Rechten Ecke des linken Bildes zu sehen. Der Schuss wurde in der Zeit zwischen diesen beiden Bildern abgefeuert.

Mitten auf einer der größten Demonstrationen gegen die Globalisierung der letzten 20 Jahre, nach vielen Zusammenstößen zwischen allen Teilen der Zivilgesellschaft und der italienischen Polizei, kam es zu einem Todesfall. Traurigkeit und Unglauben sind heute immer noch stark, sowohl unter denen die dabei waren, als auch bei denen, die nicht dort waren. Gestützt auf Berichte und Dokumentationen bleibt die Erinnerung stark.

Die Menschen vergessen nicht,

Um dieses Gedenken wach zu halten, fand am 20. Juli 2016 eine Veranstaltung auf der Piazza Alimonda statt, bei der bekannte Comiczeichner und Karikaturisten Bilder zeichneten, mit deren Versteigerung Geld für die Anwaltskosten derjenigen gesammelt wurde, die auch heute, nach 15 Jahren, immer noch einen mit den Ereignissen verknüpften juristischen Albtraum durchleben.

Von diesen Comiczeichnern ist einer ganz besonders sensibilisiert für alles, was im Zusammenhang mit Genua, Carlo Giuliani, dem Problem der Folter in Italien sowie Menschenrechten im Allgemeinen zusammenhängt, der Künstler Zerocalcare. Ein Beitrag auf Facebook, in dem er für die Veranstaltung geworben hatte, führte zur Schließung aller seiner Accounts durch das soziale Netzwerk, weil er eine Welle von Meldungen wegen „Unanständigkeit" ausgelöst habe.

Graffiti of Carlo Giuliani in Piazza Vetra, Milan. (Image: Massimiliano Calamelli)Wandbild von Carlo Giuliani auf der Piazza Vetra in Mailand (Bild: Massimiliano Calamelli)

Gleichzeitig hat COISP, eine der größten italienischen Polizeigewerkschaften, versucht, am Tag des Gedenkens an Carlo eine Veranstaltung auf der Piazza Alimonda abzuhalten, dies wurde ihr aber zum Schutz der öffentlichen Ordnung durch die Polizei von Genua verboten. Aber dieCOISP gab nicht auf, sie organisierte statt dessen eine Tagung mit dem Titel "Feuerlöscher als Instrumente für den Frieden"im Hotel NH-Collection, an der auch der ehemalige Polizist Mario Placanica teilnahm.

Nach 15 Jahren ist die Wunde, die die Ereignisse in Genua gerissen hat noch immer frisch und es gibt wenig Hoffnung auf Heilung. Niemand will die Verantwortung für das was passiert ist übernehmen, auch nicht für Carlo Giulianis Tod.