#WeDecide: Warum wollen wir in einer Demokratie leben? Teil 1

Obwohl Autoritarismus und Populismus zunehmen, ist das Engagement der Öffentlichkeit für die Demokratie immer noch hoch. Aber verdient die Demokratie unserer Unterstützung überhaupt? Und warum? Was spricht dafür, dass wir in einer Demokratie leben wollen?

Grundsätzlich können wir die Argumente, warum wir in einer Demokratie leben wollen, in zwei Kategorien einteilen. Erstens: Wir könnten die Demokratie wollen, weil wir glauben, dass sie gut ist um etwas zu erreichen, was wir erreichen wollen, zum Beispiel eine relativ wohlhabende Gesellschaft. Das sind die so genannten instrumentellen Rechtfertigungen der Demokratie. Und zweitens wollen wir vielleicht deshalb in einer Demokratie leben, weil wir glauben, dass Demokratien moralisch wünschenswert sind, unabhängig von den Zielen, die wir erreichen wollen. Das wäre dann wie der Kauf eines großen Gemäldes, nicht weil es farblich so schön mit unserer Wohnzimmerwand harmoniert, sondern weil es Ausdruck einer genialen Idee ist, oder weil es dem Künstler unglaublich gut gelingt, menschliche Emotionen darzustellen. In diesem Fall sprechen wir von intrinsischen Rechtfertigungen.

In diesem Artikel werden wir einige mögliche instrumentelle Begründungen vorstellen. Wir können Dir nicht vorschreiben, welche - wenn überhaupt eine - du davon annehmen sollst. Aber wir sind daran interessiert, deine Gedanken zu erfahren.

Hinterlasse einen Kommentar unter unserem Facebook-Post und stelle deine Begründung, warum du es vorziehst in einer Demokratie zu leben, zur Diskussion mit uns und anderen Lesern.

Manche bauen ihre Begründung auf dem Argument auf, dass demokratische politische Gemeinschaften den Menschen die Möglichkeit bieten, einen besseren Charakter zu entwickeln. Demokratie ist gut für uns, weil die Menschen, die in einer Demokratie leben, tendenziell autonomer sind, weil sie die Menschen ermutigt, im Sinne des Gemeinwohls zu denken, und weil die Teilnahme an kollektiven Entscheidungen die Menschen dazu zwingt, unterschiedliche Interessen und Standpunkten wahrzunehmen. So gesehen haben Menschen, die in autokratischen Regimen leben, weniger Glück, denn sie haben viel weniger Möglichkeiten, ihren Charakter zu entwickeln.

Manche sprechen sich mit dem Argument für die Demokratie aus, dass diese die beste Entscheidungsmethode sei, weil sie den Menschen helfe, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Selbst wenn wir einzeln ziemlich dumm sind, können wir gemeinsam klug sein. Klingt seltsam? Kann sein. Aber die Idee ist nicht ganz verrückt. Nehmen wir an, du bist auf einer Wanderung und es wird spät. Du musst Dich entscheiden, ob Du dem Waldweg nach links oder der Abzweigung nach rechts folgst, um die anvisierte Berghütte zu erreichen. Deine Chance es richtig zu machen liegt bei 51%. Du hast einen kurzen Blick auf die Karte geworfen bevor Du dich auf den Weg zu deinem Abenteuer gemacht hast, aber es war wirklich nur ein kurzer Blick und Du bist kein Orientierungsgenie. Das Gleiche gilt für Deine Wandergruppe. Wenn eine oder einer der Anderen die Aufgabe übernimmt, den Weg zu wählen, müsst Ihr in 49 von 100 Fällen Euer Nachtquartier mit den Bären teilen. Stimmt Ihr jedoch ab, verbessern sich Eure Chancen radikal. Wenn die Gruppe groß genug ist (10.000 Mitglieder - ja, schon klar, das ist recht groß für eine Wandergruppe), wäre das Ergebnis Eurer Abstimmung mit 99,99%iger Wahrscheinlichkeit richtig, obwohl Ihr einzeln nur eine Chance von 51% hättet, den richtigen Weg zu wählen. Nein, das ist kein Witz. Überzeuge Dich selbst.

Natürlich sind die gesellschaftlichen Entscheidungen, die es zu treffen gilt, in der Regel viel komplexer als die Wahl des richtigen Pfades an einer Wegkreuzung. Bei einer ganzen Reihe von Entscheidungen beträgt die Chance, dass wir richtig liegen, möglicherweise nicht über 50%. In den meisten Fällen gibt es sowieso mehr als zwei Möglichkeiten. Und zweifellos gibt es für die Probleme, mit denen wir als Gesellschaft konfrontiert sind, nicht nur eine einzige richtige Lösung, sondern vielmehr eine Reihe von verschiedenen Lösungen, die für verschiedene Teile der Gesellschaft unterschiedliche Risiken und Vorteile mit sich bringen. Dennoch argumentieren einige, dass Demokratien ungeachtet dieser Schwierigkeiten bessere Chancen haben, gerechte Gesetze zu erlassen, als andere Regierungsformen.

Wieder andere befürworten die Demokratie aufgrund des materiellen Wohlstands, den sie für alle zu gewährleisten scheint. Der mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Ökonom und Philosoph Amartya Sen bemerkte, dass es "in einem unabhängigen und demokratischen Land mit einer relativ freien Presse" noch nie eine nennenswerte Hungersnot gegeben habe. Er erklärt das mit der Tatsache, dass die politische Elite in Demokratien Anreize hat, die Interessen und Bedürfnisse der meisten Menschen in der Gesellschaft zu berücksichtigen.

Demokratie kann also durchaus ein probates Mittel zur Erreichung eines bestimmten Zweckes sein. Aber ist sie nur ein gutes Mittel zu einem bestimmten Zweck? Was wäre, wenn Demokratien aus sich selbst heraus einen Wert hätten? Wenn Du mehr über die möglichen inneren Rechtfertigungen der Demokratie lesen möchtest, dann schau bitte in einer Woche wieder vorbei und lies den nächsten Artikel dieser Serie.