Segregation und Ausgrenzung in tschechischen Schulen

Die neue tschechische Regierung muss klar und deutlich erklären, dass sie ein Interesse an der Integration hat. Bis jetzt bleibt die Finanzierung von integrativer Bildung und Lehrerausbildung unzureichend.

Bildung ist wichtig. Bildung prägt unsere Identität, entwickelt unsere sozialen Fähigkeiten und bestimmt unsere Karrierechancen. Bildung ist somit eines der wichtigsten Menschenrechte auf das wir alle Anspruch haben. Dennoch diskriminieren viele europäische Länder nach wie vor bestimmte Gruppen von Kindern, insbesondere Roma-Kinder, Kinder mit Behinderungen und Migrantenkinder, indem sie ihnen eine getrennte Bildung anbieten. Auch das Bildungssystem in der Tschechischen Republik weist seit vielen Jahren dieselben Defizite auf. Aber jetzt gibt es eine Chance, dass sich das ändert.

Vor zehn Jahren verurteilte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Tschechische Republik wegen der Diskriminierung von Roma-Kindern in der Bildung. Der Fall von D. H. (et al.) v. the Czech Republic offenbarte die systemischen Mängel des Bildungssystems, das Roma-Kinder routinemäßig in Sonderschulen für Schüler mit Lernschwierigkeiten steckte und ihnen so eine oft minderwertige, getrennte Bildung bot.

Nachdem die Situation mehrere Jahre lang festgefahren war und die Tschechische Republik deshalb international kritisiert wurde, nicht zuletzt, weil sie es versäumt hatte, ein europäisches Urteil umzusetzen, wurde 2015 eine Novelle des Bildungsgesetzes verabschiedet, um die getrennte Bildung für Kinder mit angeblicher "leichter geistiger Behinderung" schrittweise abzuschaffen. Diese lang erwartete Gesetzesänderung impliziert eine Reihe von Maßnahmen, die das Potenzial haben, ein Schulsystem zu schaffen, in dem alle Kinder in der Tschechischen Republik die gleiche Schulbildung erhalten. Seit 2016 können Kinder mit "leichter geistiger Behinderung" im Rahmen des Curriculums für Regelschulen lernen, und seit September 2017 haben alle Fünfjährigen eine obligatorische einjährige kostenlose Vorschulausbildung, die darauf abzielt, Lernunterschiede und andere Fähigkeiten auszugleichen. Darüber hinaus wurde dieses neue System eingerichtet, um allen Kindern mit besonderen Bedürfnissen im Rahmen der Allgemeinbildung, unabhängig von ihrer ethnischen oder sozialen Herkunft, eine angemessene und individuelle Unterstützung zu bieten.

Was ist jetzt zu tun?

Dieser Weg ist sehr ermutigend und sollte einer der Schwerpunkte der Agenda der neuen Regierung bleiben. Dies erfordert jedoch ein starkes politisches Engagement, denn die Umsetzung des Gesetzes wird mindestens ebenso schwier durchzusetzen sein, wie seine Akzeptanz. Individuelle Interessen an der Aufrechterhaltung getrennter Bildungssysteme sind nach wie vor stark ausgeprägt; die Finanzierung von integrativer Bildung und entsprechender Lehrerausbildung ist oft unzureichend und viele Eltern haben nach wie vor eine negative Einstellung gegenüber der Integration von Kindern aus Minderheiten oder besonders schutzbedürftigen Gruppen in die allgemeine Bildung.

Diese Hindernisse stellen eine echte Bedrohung für die Fähigkeit dieser Kinder dar, ihre Zukunft auf gleicher Augenhöhe mit anderen aufzubauen. Die Regierung sollte sie daher abbauen. Wir sehen insbesondere vier Maßnahmen, die ergriffen werden sollten, um dieses Ziel zu erreichen.

Erstens sollte die Regierung sicherstellen, dass reguläre Schulen keine Segregation in irgendeiner anderen Form herausbilden, zum Beispiel indem sei Klassen mit mehrheitlich Roma-Kindern oder Klassen, in die keine Roma-Kinder gehen, schaffen. Außerdem sind strengere Kontrollmechanismen erforderlich, um sicherzustellen, dass die Schulen nicht diskriminieren, auch nicht bei der Entscheidung über die Schulzulassung. Insbesondere sollte die Regierung sicherstellen, dass alle Schulen die nationalen Gesetze und methodischen Richtlinien einhalten, die vorschlagen, dass Tests und Untersuchungen der Kinder nicht als Auswahlkriterium für die Zulassung zu einer bestimmten Grundschule verwendet werden dürfen.

Erfolgshindernisse

Der zweite notwendige Schritt besteht darin, Maßnahmen zu ergreifen, um die Verteilung der Studenten aus schutzbedürftigen Gruppen auszugleichen. Das Fehlen solcher Maßnahmen führt nur zu ungleichen Bedingungen im Bildungsbereich, wo einige Schulen einen großen Anteil an Kindern haben, die möglicherweise besondere Bildungsbedürfnisse haben, wie z.B. Kinder aus ethnischen Minderheiten oder Kinder mit Behinderungen. Um dieser Situation vorzubeugen, sollte die Regierung die Umsetzung und Einhaltung der Vorschriften über die maximale Anzahl der Plätze für diese Kinder an jeder Schule systematisch überwachen, um die notwendige Vielfalt im Klassenzimmer zu gewährleisten. Eine solche Aufteilung sollte sich strikt an den individuellen Bedürfnissen des Kindes orientieren und keinesfalls an seiner ethnischen, sozialen oder sonstigen Herkunft.

Schließlich ist es von entscheidender Bedeutung, die Auswirkungen der Segregation im Wohnungsbau abzumildern, ein Faktor, der zweifellos zur Konzentration von Kindern aus schutzbedürftigen Gruppen in bestimmten Schulen beiträgt. In Situationen, in denen Schulbezirke mit Stadtvierteln zusammenfallen, die überwiegend von Personen aus benachteiligten Gruppen bewohnt werden, ist es sehr wahrscheinlich, dass das Schulpersonal diese Tatsache gleichermaßen widerspiegelt, was de facto zu einer Segregation im Bildungsbereich führt. Die Schaffung alternativer Schulbezirke, die Stadtviertel mit unterschiedlichen sozialen Schichten kombinieren, könnte daher eine ausgewogenere Verteilung von Schülern aus verschiedenen Gruppen ermöglichen und zu einem integrativeren Bildungssystem führen.

Segregation - der Feind des sozialen Zusammenhalts

All diese Maßnahmen haben jedoch ohne die Unterstützung aller Eltern wenig Aussicht auf Erfolg. Die Entfremdung von Familien von ethnischen Minderheiten, Migrantenfamilien oder Familien mit Kindern mit Behinderungen und deren mangelnde Teilnahme an Schulaktivitäten und Leben verhindert die Schaffung eines wirklich integrativen Bildungssystems, das allen Kindern die gleichen Bildungschancen bietet. Es ist wichtig, dass die Regierung und die Schulverwaltung das Bewusstsein für die Vorteile einer integrativen Erziehung bei allen Familien schärfen und ihnen erklären, dass gut geführte und vielfältige Klassen den Erfolg der Kinder steigern, sowohl im Hinblick auf ihren Schulerfolg, als auch im Hinblick auf den Erwerb wichtiger sozialer Kompetenzen, wie die jüngsten OECD-Studien belegen.

Die Segregation in der Schule ist eine der schlimmsten Formen der Diskriminierung. Sie führt zu einer Verschwendung von Talenten und zu einer grundlegenden Beeinträchtigung der Lebensqualität der betroffenen Kinder. Sie schmälert die demokratische Struktur der Gesellschaft und stärkt die Teufelskreise der Marginalisierung und Diskriminierung, die den sozialen Zusammenhalt bedrohen.

Die Tschechische Republik hat nun die Möglichkeit, das Blatt zu wenden und zu zeigen, dass integrative Bildung kein utopisches Projekt ist, sondern ein erreichbares Ziel mit positiven Auswirkungen auf die Zukunft der Kinder und den sozialen Zusammenhalt. Die Investition in dieses Ziel sollte daher zur Hauptpriorität der neuen Regierung werden.

Autoren: Anna Šabatová, Ombudsmann der Tschechischen Republik, und Nils Muižnieks, Kommissar für Menschenrechte des Europarates.